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22.10.2008

Therapeuten unterstützen Kitas
Projekt "Starthilfe" wird in zehn Einrichtungen fortgesetzt

Um Kinder in ihrer psychischen und sozialen Entwicklung zu fördern, wird die Arbeit von Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten in zehn städtischen Kindertagesstätten für zunächst ein weiteres Jahr fortgeführt. Sie sollen Erzieherinnen vor allem helfen, hyperaktive oder aggressive Kinder besser zu verstehen, mit ihnen angemessen umzugehen und deren Eltern zu beraten. "Wünschenswert wäre, diese präventive Arbeit dauerhaft in Kitas zu implementieren", sagte Marianne Leuzinger-Bohleber, die Leiterin des Sigmund-Freud-Instituts, gestern bei der Vorstellung des Projekts.

Es trägt den Namen "Starthilfe" und ist aus einer Studie des Freud-Instituts und des Instituts für analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie in 14 städtischen Kitas erwachsen, die von 2003 bis 2006 erhoben worden war. Sie hatte aufgezeigt, dass durch psychotherapeutische Unterstützung der betreffenden Kinder Aggressionen, Ängstlichkeit und Hyperaktivität abgenommen hatten.

Auf dieser Grundlage fand von Mai 2007 bis Mai 2008 die erste "Starthilfe"- Phase statt, die zweite hat im August dieses Jahres begonnen. Finanziert wird sie durch die Stiftung Polytechnische Gesellschaft mit 72 000 Euro sowie die Crespo-Foundation und die Ursula-Ströher-Stiftung mit zusammen 28 000 Euro.

Fünf der zehn Kindertagesstätten, die in der zweiten Phase von dem Projekt profitieren, waren schon in der ersten Phase dabei, fünf sind neu hinzugekommen. Insgesamt hatten sich 24 Kitas beworben, wie Angelika Wolff vom Institut für analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie sagte.

Die angehenden Psychotherapeuten, die sich noch in der Ausbildung befinden, sind für vier Stunden in der Woche in einer Kita, beobachten das Verhalten von Kindern, sprechen mit ihnen. Als besonders hilfreich empfänden die Erzieherinnen das Gespräch mit den Therapeuten, wie Sybille Frank, die Leiterin der Kita 126 in Bornheim, ausführte. "Der Blick, den die Therapeuten auf die Kinder haben, verändert unsere Perspektive." Auch die Arbeit mit den Eltern werde bereichert. Die Bornheimer Kita ist eine der fünf Einrichtungen, die schon zum zweiten Mal an dem Projekt teilnehmen. "Jetzt können wir noch intensiver weiterarbeiten", sagte Frank.

Als Beispiel für die Arbeit nannte Leuzinger-Bohleber die Hilfe für einen Jungen, der sofort aggressiv geworden sei, wenn sich ihm ein anderes Kind genähert habe. Durch die intensive Beschäftigung mit dem Kind sei klar geworden, dass es nicht, wie vermutet, autistisch sei. Der Junge habe unter den schweren Lebensumständen seiner Familie gelitten. Inzwischen gehe er in eine Einzeltherapie und zeige Fortschritte.

Leuzinger-Bohleber dankte der Stadt für die Zusammenarbeit. Michael Damian, Referent von Bildungsdezernentin Jutta Ebeling (Die Grünen), sagte, die Stadt tue darüber hinaus vieles, um die Situation an den Kitas zu verbessern. So würden nach und nach 400 zusätzliche Erzieherinnen eingestellt. Außerdem sei der Etat für Fortbildungen von 50 000 auf 150 000 Euro aufgestockt worden.  toe.


Text: F.A.Z., 22.10.2008, Nr. 247 / Seite 42

OfP

22.10.2008

Die Kinderseele hat ihre eigene Zeit

Wissenschaftler fordern mehr psychoanalytische Betreuung in den Kindergärten / Erfolge mit Frankfurter Programm

Von Michael Eschenauer

Frankfurt - "Heutzutage sagt der Zeitgeist, dass alles rasch Erfolge zeigen und effizient sein muss. Aber die Seele der Kinder hat ihre eigene Zeit." Professor Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber, Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt, fordert eine stärkere und längerfristige psychoanalytische Unterstützung der Arbeit in deutschen Kindergärten. Eine wirksame Vorbeugung gegen die auch unter Kindern weit verbreiteten Aggressionen, Ängste sowie Hyperaktivität brauche zwar Zeit und Geld, "das ist aber gut investiert, denn es verhindert viele negative und kostspielige Spätfolgen". Dies bestätigten gestern Angelika Wolff und Adelheid Staufenberg vom Institut für analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie (IKJ) sowie die Kindergartenleiterin Sybille Frank. In Frankfurt wird das Programm "Starthilfe", das den Kindergärten genau diesen zusätzlichen Sachverstand zur Verfügung stellt, fortgeführt.

Der Junge aus China galt in seiner Kindertagesstätte als richtiggehend gefährlich. Man vermutete einen Fall von Autismus. Der Vierjährige sprach mit niemandem, "rastete förmlich aus", wenn ein anderes Kind nur in seine Nähe kam. Beim Gerangel um Spielzeug verletzte er einen Kontrahenten sogar schwer. "Es war praktisch unmöglich, ihn ohne Aufsicht zu lassen", berichtete Leuzinger-Bohleber. Die Erzieherinnen waren ratlos. Ein psychisch schwer krankes Kind gehört nicht in einen Kindergarten. Mit Hilfe der Experten des Freud-Instituts stellte sich jedoch bald heraus, dass der kleine Chinese in seiner Heimat unter völliger Verwahrlosung und Isolation bei den total überforderten Großeltern aufgewachsen war. In Deutschland stand die Familie unter dem Stress einer schweren Erkrankung des Vaters und der beruflich scheiternden Mutter, einer Ingenieurin. "Wir haben uns um den Kleinen gekümmert. Von Autismus ist heute nicht mehr die Rede. Der Kleine spricht und hat auch Kontakte aufgebaut", berichtete Leuzinger-Bohleber. Ohne das "Starthilfe"-Projekt hätte dem Kind eine deprimierende Karriere als Außenseiter und Dauerpatient beim Psychiater gedroht.

Kinder profitieren davon, wenn man sich intensiv um sie kümmert. In den Jahren 2003 bis 2006 untersuchten das Sigmund-Freud-Institut und das IKJ, wie sich eine zusätzliche psychoanalytische Betreuung auf den Alltag der Kitas auswirkt. Dabei arbeiteten Fachkräfte regelmäßig mit den Teams in den Kitas zusammen. Bei Problemfällen brachten sie ihre klinische Erfahrung und aktuelle entwicklungspsychologische, pädagogische sowie psychoanalytische Forschungsergebnisse ein. Nach Abschluss der Frankfurter Präventionsstudie (FPS) zeigte sich, dass sowohl bei Jungen wie bei Mädchen durch die Betreuung Aggressivität, Ängste und Hyperaktivität signifikant zurückgingen. "Es ist uns gelungen, die Widerstandfähigkeit der Kinder und deren Selbstheilungskräfte zu steigern", berichtete Leuzinger-Bohleber. Beides ist notwendig: 15 Prozent der Kinder im Alter zwischen 3 und 6 Jahren gelten als verhaltensauffällig.

Auf die "Frankfurter Präventionsstudie" folgte 2007 die praktische Anwendung der hier gewonnenen Rezepte im Rahmen des Förderprogramms "Starthilfe", das nun zum zweiten Mal an zehn Frankfurter Kindergärten fortgesetzt wird. Es wird gefördert von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft und der Crespo-Foundation. Die beiden Einrichtungen geben insgesamt rund 100 000 Euro, vom Sigmund-Freud-Institut werden unter anderem zehn angehende Kinder- und Jugendpsychologen eingesetzt. Von "Starthilfe" profitieren über 800 Kinder.

Das Konzept beschert den Kindergärten die mehrstündige wöchentliche Anwesenheit von Fachleuten in der Einrichtung. Dabei beschäftigen sich die Helfer intensiv mit problematischen Kindern, sie helfen den Praktikern aber auch bei anderen Problemen dadurch, dass sie "von außen" auf das Innenleben der Kita blicken und für Fachfragen zur Verfügung stehen. In Einzelfällen gibt es individuelle Beratung, Krisenintervention und eine Vermittlung von weiteren Hilfen. "Wir können uns einfach besser um die Kinder kümmern. Es wird eine ruhige Fall-Beurteilung und Beobachtung möglich. Das ist sonst bei 20 Kindern in der Gruppe nicht leistbar", sagt Kita-Leiterin Sybille Frank. "Es ist uns durch Starthilfe möglich, ein umfassenderes Bild des jeweiligen Kindes herzustellen und besser auf Hintergrund-Probleme zu reagieren", so Frank. Sie spricht von einer "absoluten Kompetenzerweiterung" bei der Betreuung.

Als Reaktion auf die Erkenntnisse von FPS und "Starthilfe" werde die Stadt Frankfurt ihren Stamm an Erzieherinnen für die 135 Kitas um 400 aufstocken und das Weiterbildungsbudget in diesem Bereich auf 150 000 Euro verdreifachen, erklärte Michael Damian, Referent von Bürgermeisterin Jutta Ebeling (Grüne).

Institut für analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie in Hessen e.V.
Mertonstraße 17, Jügelhaus B, II. Etage, Raum 226, 60325 Frankfurt
Tel.: 069/721445

Termin: Dienstag, 21. Oktober, 12 Uhr, Presse- und Informationsamt, Römerberg 32, 1. Stock
Aggression und Integrationsstörungen bei Kindern

Erfahrungen und Zukunftsperspektiven am Beispiel der Präventionsstudie "Starthilfe"

(pia) Gewaltprävention ist zu einer dringenden gesellschaftlichen Aufgabe geworden. Je früher sie ansetzt, als umso erfolgreicher erweist sie sich. "STARTHILFE" ist ein erfolgreicher Weg, nachhaltig die soziale Integration von Kindern zu fördern, aggressives Verhalten zu verringern sowie die Professionalität von Erzieherinnen und Erziehern in den Kindertagesstätten zu erweitern.

Die Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts, Professorin Marianne Leuzinger-Bohleber, präsentiert Ergebnisse und Erfahrungen, die mit "STARTHILFE" in zehn Frankfurter Kindertagesstätten gewonnen werden konnten. Angelika Wolff und Adelheid Staufenberg (Institut für analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie) sowie Kita-Leiterin Sybille Frank und Katharina Fitte, Stipendiatin des SFI, erläutern die Details.

Zuvor begrüßt Bürgermeisterin Jutta Ebeling die Teilnehmer der Pressekonferenz zusammen mit Roland Kaehlbrandt von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft und Cora Stein (Crespo Foundation).

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